Werner Reimers Stiftung
Werner Reimers Stiftung

Pressemitteilungen

vom 03.02.2018 aus der Taunuszeitung

Hier Studieren, in Syrien helfen - Die Werner-Reimers-Stiftung unterstützt junge Flüchtlinge bei der Vorbereitung aufs Studium

Seit März 2016 fördert die Werner- Reimers-Stiftung 18 junge Flüchtlinge über das „Academic Welcome Program“ beim Erlernen der deutschen Sprache und dem darauf folgenden Schritt an die Universität. Stiftungsvorstand Albrecht Graf von Kalnein, auf den dieser Gedanke zurückgeht, schildert die Hilfe. Er sagt: „Es ist der Auftrag der Stiftung,
die Wissenschaft voranzubringen. Angesichts von 3000 Flüchtlingen Ende 2015 im Hochtaunuskreis, unter ihnen etwa ein Zehntel junger Leute, die bereits ein Studium
begonnen oder aber akademische Voraussetzungen hatten, haben wir das „Academic Welcome Program“ ins Leben gerufen.“ Sie würden zunächst ein, maximal zwei Jahre gefördert, bis sie Fuß gefasst hätten. Wenn sie dann die Universität besuchten, erhielten
sie weitere Unterstützung wie etwa das Deutschland-Stipendium. Die Stipendiaten, zumeist Syrer, erhalten 100 Euro pro Monat; der Betrag, so von Kalnein, klinge zwar gering, doch nur so werde die staatliche Unterstützung nicht gekürzt. Das Programm vermittelt Sprachkurse oder Gasthörerschaft sowie ein Coachingseminar. Förderpartner sind etwa der Rotary Club Bad Homburg Schloss mit zwei Stipendiaten oder die Taunus Sparkasse.
Die Universität Frankfurt empfiehlt die Stipendiaten, welche die Deutschprüfung für Hochschulen anstreben.
Von Kalnein sagt: „Es geht uns nicht um Top-Akademiker, sondern um junge Leute, die sich selbst sozial engagieren, anderen Neuankömmlingen helfen. Wir wollen akademische Talente finden oder wiederbeleben, wenn sie von der Flucht unterbrochen wurden, damit
sie beim Wiederaufbau ihrer Heimat helfen.“ Das Seminar der Reimers-Stiftung zu Goethes Westöstlichem Divan, in dem es auch um Gedichte des Persers Hafis ging, habe nicht nur die Stipendiaten eine Brücke nach Deutschland schlagen lassen. „Ihre Erfahrungen haben unseren Horizont erhellt.“ Unsere Mitarbeiterin Martina Dreisbach hat mit drei Stipendiaten
gesprochen.

Yara Abbass gibt das Heimweh positive Energie

Yara Abbass gibt das Heimweh positive Energie Yara Abbass ist 22 Jahre alt und stammt aus Damaskus. Das Datum ihrer Ankunft in Deutschland hat sie genau im Kopf: 21. Dezember 2015. Kalte Winter kenne sie aus Syrien. Doch die Sommer seien richtige Sommer, länger und heißer. Yara berichtet: „Ich kammit dem Flugzeug als Studentin mit
Visum,meine zwei älteren Brüder studieren hier.Mit ihnen wohne ich in Roßdorf bei Darmstadt. Aber meine Eltern leben seit zwei Jahren im Irak, wo mein Vater als Ingenieur
arbeitet. Über so etwas wie Skype halten wir Kontakt.“ Yara vergleicht Frankfurt mit
Damaskus, es sehe ähnlich aus, die Altstadt, die vielen großen neuen Häuser, der Kirchturm. Yara hat sich schnell eingewöhnt. Sie sagt: „Das Leben ist dort wie hier, die
Kultur ein bisschen anders.“ Mit Deutsch tut sich die Muslimin noch etwas schwer. Das hält
sie nicht davon ab, Radio zu machen. Auf Arabisch – und Deutsch. „Radio Good Morning
Deutschland“ wurde im Mai 2016 gegründet und strahlt jeweils einmal in der Woche drei Stunden aus Frankfurt und Stuttgart aus. Yara sagt: „Das ist ein Online- Radio.Wir bringen Infos über das Leben hier, wie man als Ausländer hier lebt und geben praktische Tipps.“
Die emanzipierte junge Frau steckt voller Pläne. Ein Semester Pharmazie hatte sie schon in ihrer Heimat studiert. Jetzt peilt sie das Sprachzertifikat für den Hochschulzugang an. Im kommenden Winter will sie mit dem Medizinstudium beginnen. Gerade befasst sie sich mit einem Buch von Rafik Schami, dem berühmtesten syrischen Autor, der seit 40 Jahren in
Deutschland lebt. Migrant wie sie. Zu den Begegnungen mit der Gruppe des „Academic Welcome Program“ sagt sie: „Das sind offene akademische Leute“, sagt sie. Die Unterstützung sei wertvoll. „Für uns als Ausländer ist vieles schwierig, die Sprache, die neue
Kultur, alles ist neu. Aber wir leben hier sehr gut, haben gute Chancen zu lernen, finden neue Freunde.“ Und weiter: „Natürlich habe ich Heimweh, aber das gibt mir positive
Energie. Irgendwann komme ich zurück nach Syrien, aber nicht ohne Abschluss. Es ist gut für Deutschland, dass ausländische Akademiker hier sind, und gut für Syrien, wenn ausgebildete Leute dorthin zurückgehen. Ich will meinem Land etwas Gutes tun.“

Sechs Wochen auf der Flucht

Nidal Naasan hat die gefährliche Flucht aus Syrien hinter sich. Sechs Wochen war der heute 22 Jahre alte junge Mann im Sommer 2015 unterwegs, immer in der Ungewissheit, ob er je nach Deutschland gelangen würde. Äußerlich ist ihm davon nichts anzumerken. Er sitzt
ruhig am Tisch, kerzengerade Haltung, um den Hals hat einen wollenen Schal gebunden. Er wirkt sehr erwachsen. Sein Deutsch ist akzentfrei, er spricht gewählt, fast jeder Kasus sitzt.Um die Deutsch- Prüfung für den Hochschulzugang am 10. Februar müsste er sich keine Sorgen machen, aber ein wenig bang ist ihm trotzdem. Er stammt aus Has, einer Kleinstadt im Nordwesten Syriens, die von den Dschihadisten kontrolliert und von den Russen bombardiert wird. Bei einem Angriff wurde das Haus beschädigt, die Familie kam
davon. Nidal ist der zweitälteste von drei Brüdern und einer Schwester, der jüngsten.Mit seinem älteren Bruder teilt er sich jetzt eine kleine Wohnung am Hessenring. Nidal hatte in Syrien zwei Semester Maschinenbau studiert, sollte eingezogen werden. Er sagt: „Das wollte ich nicht und lieh mir von meinem Onkel 5000 Euro für die Flucht für mich und meinen Bruder.“ Minutiös schildert er die Odyssee. „Nachts um eins ging es am 1. August 2015 los. Mit einem Bus. Wir wollten illegal in die Türkei, 24 Leute, auch Frauen und Kinder. Nachts mussten wir sieben Kilometer laufen. Der Grenzübertritt glückte. Mit der Familie hielt er übers Handy Kontakt. „Aber ich habe nichts Schlimmes berichtet, damit sie sich keine Sorgen machen“, sagt er. 25 Tage musste die Gruppe in der Türkei warten. „Wir hatten nichts zu tun und hofften, dass wir nach Griechenland kommen. In Bodrum wieder banges Warten in einem Hotel. „Dann schickte uns die Polizei zurück. Wir haben es dann nochmal mit dem Boot versucht. Das Meer war sehr unruhig, als wir ins Boot stiegen, aber es ging gut. Ein Schiff hat uns aufgenommen und nach Leros gebracht. Dort waren wir eine Woche, die Polizei nahm unsere Daten auf.“ Sie erhielten ein Ticket für die Schiffspassage nach Piräus. Von Athen aus ging es mit dem Bus zur makedonischen Grenze. „Es war schlimm“, sagt er.„Wir hatten immer Hoffnung. Nur in der Türkei habe ich daran gedacht umzukehren.“ Dann Serbien, mit dem Bus zur ungarischen Grenze, wieder zehn Kilometer zu Fuß. Im
UN-Camp medizinische Versorgung und Verpflegung. Flüchtlingsheim in Ungarn, Fingerabdrücke. In Österreich nahm ihn eine Frau mit nach Graz. Endlich im Zug Richtung Bayern. In Füssen wartete ein Zug nach Frankfurt. In Wiesbaden-Nordenstadt war die
Tortur zu ende. „Einen Monat und drei Tage waren wir dort in einer Sporthalle.“ Schließlich kamen sie nach Bad Homburg. Ein Zimmer für ihn und den Bruder in der Flüchtlingsunterkunft am Niederstedter Weg, mit nichts als dem, was sie am Leib trugen.
Nidals Vater ist Tierarzt mit einer Veterinärapotheke, die Mutter war Lehrerin, bis die Schule zerbombt wurde. Ein Onkel lebt als Arzt in Saudi-Arabien, ein anderer in Kanada. Eine sechs Jahre alte Cousine kam imKrieg um. Seine Eltern haben es aufgegeben, aus Syrien rauszukommen. In Bad Homburg begann er sofort, Deutsch zu lernen. „Ich wollte reden können.“ Er lernte Britta Bolz kennen. „Sie hat mir so viel geholfen, ich habe ihre Familie oft besucht. Sie hat mir die Uni gezeigt und das ,Welcome Program‘ empfohlen.“ Nidal will Medizintechnik studieren. Er sagt: „Es kommt nicht darauf an, was mir Spaß macht, sondern was sinnvoll ist. Ich möchte nach dem Abschluss zurück nach Syrien. Dort fehlen medizinische Fachleuten. Ich will den Menschen helfen. Dort ist alles zerstört.“ Gott hilft bei der Gelassenheit Mais Gharam ist ein strahlendes Wesen von 20 Jahren. Sie kam vor eineinhalb Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie spricht fließend Deutsch, hatte schon in Aleppo einen Sprachkurs absolviert, besuchte weitere Kurse in Deutschland und bestand die Sprachprüfung für den Hochschulzugang. Jetzt kann sie sich an der Universität bewerben. Ihr Onkel lebt seit 40 Jahren hier; so erhielten sie ein Visum für Familie zweiten
Grades, wie sie erzählt. Der Entschluss, Syrien zu verlassen, kam hauptsächlich von den Eltern. Eine Tochter lebt in Belgien, aber sie wollten eine sichere Zukunft auch für Mais. Noch lebt sie mit den Eltern zusammen in eineinhalb Zimmern in einem Flüchtlingsheim in der Nordweststadt. Sie hoffen auf eine größere Wohnung, zu dritt, wie Mais sagt – bis die Eltern integriert seien. Zum Lernen geht die junge Frau meist in die Unibibliothek. Sie berichtet: „Der Abschied von Aleppo war sehr traurig und hektisch. Jeder von uns hatte nur einen Koffer. Zwei Tage vor der Abreise war eine Bombe vor dem Haus eingeschlagen, die Wohnung wurde teilweise zerstört.“ Mais sagt: „Die Verantwortung für die Eltern wiegt schwer. In Aleppo achteten sie auf mich. Hier ist es umgekehrt. Ich habe alles für uns auf den Ämtern geregelt. Die deutsche Bürokratie ist anstrengend. Mein Vater ist 68, meine Mutter 55 Jahre alt. Sie hatte einen Unfall und musste operiert werden. Sie besuchen
den Integrationskurs, aber Deutsch fällt ihnen schwer. Sie haben Heimweh.“ Mais hatte schon in Aleppo zwei Jahre Medizin studiert. Von Freunden im Deutschkurs hörte sie
vom „Academic Welcome Program“ und bewarb sich. Im Seminar der Reimers-Stiftung ging es um den Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“. Mais sagt: „Diese Gedichte haben mir gut gefallen. Wir haben ein Gedicht mit einem von Nizar Kabbani, einem syrischen Dichter, verglichen. So vieles ist ähnlich.“ In einem zweiten Seminar sei es um Selbst- und Zeitmanagement gegangen. „Wir haben gehört, wie das Studium hier läuft, und Unterschiede im Alltag und in der Kultur beleuchtet.“ Ihre Bewerbungen um einen
Studienplatz in Medizin laufen. Am liebsten ginge sie an die Charité in Berlin, wo das Studium einen starken Bezug zur Praxis habe. Mais und ihre Eltern sind Christen. Sie besuchen den monatlichen Gottesdienst auf Arabisch in der katholischen St. Wendel-
Kirche in Frankfurt. Die junge Frau lächelt und sagt: „Ich versuche, immer positiv zu sein. Gott hilft mir bei der Gelassenheit.“


vom 25.01.2018:

Mut zu eigenen Zielen-Coaching Seminar für geflüchtete junge Akademiker

Gleich zu Beginn des neuen Jahres 2018 nimmt das Academic Welcome Programm der Werner Reimers Stiftung wieder Fahrt auf und führte für sei-ne Stipendiaten vom 8. bis zum 10. Januar 2018 ein Coaching Seminar durch. Diese Veranstaltung mit dem Thema „Persönlichkeitsentwicklung und Selbstmanagement im interkulturellen Kontext“ wurde maßgeblich durch den Hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst, Boris Rhein (CDU) gefördert und unterstützt vor Ort durch das Forschungskolleg Hu-manwissenschaften der Goethe Universität.Inhaltlich konzipiert und realisiert wurde das Coaching Seminar von dem Trainerinnen Team Clara Fenocchio, Anna Sancillo und Martina Widemann. „Wie definiere ich meine persönlichen Ziele und Werte?“ Diese Frage wurde thematisch in den Blöcken Eigenwahrnehmung/Fremdwahrnehmung, Kul-turmodelle/Kulturschock sowie Selbstmanagement/Zeitmanagement bearbei-tet. Mit einer didaktisch abwechslungsreichen Mischung aus Übungen, Gruppenarbeiten und Präsentationen konnten die Teilnehmer eigene Per-spektiven und Ziele entwickeln.Der Zweck der interaktiven Veranstaltung war es, den jungen geflüchteten Stipendiaten Gelegenheit zu bieten um ihre persönlichen Erfahrungen aus-zutauschen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und erste Handlungsstrate-gien zu erarbeiten. Dass diese Absicht bei den Teilnehmern mit großem Bil-dungsinteresse und Engagement aufgenommen wurde, zeigt Fatima Haidar’s Fazit: „Für Zukunft habe ich gelernt wie ich meine Zeit gut planen kann um meine Ziele zu erreichen. Außerdem fand ich sehr schön interes-sant Menschen kennenzulernen.“ Dr. Albrecht v. Kalnein, Vorstand der Stif-tung äußert sich erfreut: „Das Winterseminar der Reimers Stipendiaten war für mich ein Lehrstück an Persönlichkeitsbildung. Die Förderung des Hessi-schen Ministers für Wissenschaft und Kunst hat zudem die Verbindung zur Reimers Stiftung und der University of Applied Sciences gestärkt.“Derzeit unterstützt das im Jahr 2016 ins Leben gerufene Stipendien-programm 17 geflüchtete junge Akademiker aus dem Nahen Osten materiell und ideell bei der Wiederaufnahme ihres Bildungsweges an einer deutschen Hochschule. Der Rotary Club Bad Homburg erweitert den bestehenden För-derkreis dieses Programms zu dem der Rotary Club Bad Homburg Schloss, das Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die BNP PARIBAS Stiftung, die intec Beteiligungsgesellschaft mbH, die Stiftung „Gib Mir Deine Hand“, die Goethe-Universität Frankfurt und die Frankfurt University of Ap-plied Sciences gehören.